In Vorgärten geht es zurück in die Steinzeit

Vielleicht ist Ihnen das auch schon einmal aufgefallen: In immer mehr Vorgärten verschwindet eine abwechslungsreiche Bepflanzung, und stattdessen ist der Boden mit Steinplatten, grobem oder feinem Kies zugepflastert, worauf oft noch ein Betonkasten mit einigen Blumen oder einem einzelnen Strauch steht. „Gärten des Grauens“ nennt sie der Buchautor und Botaniker Ulf Soltau, für den solche „pflegeleichten und unkrautfreien“ Vorgärten ein Zeichen der Entfremdung des Menschen von der Natur sind.
Es ist offensichtlich in Kombination mit retromoderner Architektur ein Modetrend, den man auch deutlich in Gartencentern und Baumärkten beobachten kann: Das Angebot an Steinplatten unterschiedlicher Größe und verschiedenen Kiessorten, auch farbigen, nimmt zu und wird von immer mehr Kunden angenommen.
Was sind die Gründe für die Anlage solcher Betonwüsten auf wenigen Quadratmetern? Ordnungsliebe bzw. Ordnungswahn gegen ein natürliches Durcheinander, zu große Anstrengungen bei der Pflege der Pflanzen, stolze Präsentation von steinernen Figuren oder Darstellungen ganzer Landschaften aus farbigen Kieseln ohne störendes Gestrüpp, die Schaffung von Stellplätzen für Mülltonnen, Kinderwagen oder Fahrräder werden die häufigsten Beweggründe sein, in selteneren Fällen wohl auch Isolierung gegen in die Hauswände eindringendes Wasser.
Auf der Strecke bleiben Artenvielfalt, die gegen das Insektensterben helfen könnte, ein kleiner Lebensraum für Bodentiere, die auf den von der Sonne stark erhitzten Steinen nicht leben können, sowie der Anblick einer naturnahen Umgebung, verbunden mit einem schwindenden Verständnis für ökologische Zusammenhänge.
Aber steht dagegen nicht die Freiheit, seine persönlichen Vorstellungen und Ideen auch in der Gestaltung seiner Hausumgebung zu verwirklichen? Bringen ein paar Quadratmeter Natur wirklich mehr für die Umwelt? Sicher nicht ein einzelner Vorgarten, aber zahlreiche bepflanzte Vorgärten können in der Summe durchaus helfen, für etwas mehr Artenvielfalt zu sorgen.
Immer mehr Städte und Gemeinden kommen nach Abwägung der Gründe für oder gegen ein Verbot von „versteinerten Vorgärten“ zu dem Schluss, sie zu verbieten. Dortmund, Bremen, Paderborn haben so gehandelt, in Bayern sind Neuanlagen nicht mehr gestattet, auch Baden-Württemberg plant ein Verbot. In einigen wenigen deutschen Gemeinden wird für einen Stein-Vorgarten eine etwas höhere Grundsteuer erhoben.
Und was die Arbeitserleichterungen betrifft: die Natur kehrt nach und nach zurück! Luftalgen (Luftalgen der Gattung Pleurococcus sind wohl die am häufigsten vorkommenden zellulären Organismen auf der Erde: Ihre Zahl wird auf 10 Trillion Trillionen Individuen geschätzt!) und Flechten besiedeln die Steinplatten, auf Plattenfugen und zwischen Kieselsteine fallen Gras- und andere Pflanzensamen, die auskeimen – nach einiger Zeit muss die Anlage dann doch wieder mehr oder weniger mühevoll gesäubert oder neu gestaltet werden.

Dr. Michael Wilfert